Mit der Familie zusammen sein, sich ein Leben aufbauen – das sind entscheidende Faktoren, damit ausländische Fachkräfte gerne und langfristig in Deutschland arbeiten wollen. Das Gesetz bietet daher die Möglichkeit des Familiennachzugs. Ein Bericht aus der Praxis.
Text: Jeannette Herrmann, Foto: Andreas Endermann
Als Larissa Euzebio ihrem Mann João Bohn vom südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina ins nordrhein-westfälische Düsseldorf folgte, arbeitete der bereits seit acht Monaten als Softwareentwickler in Deutschland. Acht Monate, in denen sie knapp 10.000 Kilometer getrennt voneinander lebten. Denn Bohn musste zunächst die Anerkennung seines brasilianischen Berufsabschlusses abschließen. „Anfangs war es traurig für uns, getrennt zu sein, aber wir hatten beide viele Dinge zu organisieren und vorzubereiten“, erzählt Euzebio.
Dass sie sich gemeinsam eine Zukunft in Deutschland aufbauen wollten, wussten sie, als Bohn sich entschied, beim Pilotprojekt „Hand in Hand for International Talents“ mitzumachen. Das Projekt, gefördert vom Bundeswirtschaftsministerium, bringt deutsche Unternehmen mit Fachkräften aus dem Ausland zusammen und wird von der DIHK Service GmbH gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit umgesetzt. „Als ich vom Projekt Hand in Hand for International Talents“ hörte, hatte ich das Gefühl, dass sich alles zusammenfügt. Das war die ideale Gelegenheit für mich“, erzählt Bohn. Über das Projekt kam er zum Unternehmen Retraced, das Online-Lösungen für ein nachhaltiges Lieferkettenmanagement anbietet.
Langes Warten
Da Bohns brasilianischer Berufsabschluss zunächst nur teilweise anerkannt wurde, kümmerte er sich in den ersten Monaten in Düsseldorf um die Nachqualifizierung bei seinem Arbeitgeber. Erst mit der vollständigen Anerkennung seines Berufsabschlusses und dem entsprechenden Aufenthaltsstatus durfte er seine Frau zu sich nach Deutschland holen.
Währenddessen bereitete Euzebio in Brasilien ihren Umzug vor. Sie verkaufte Möbel, renovierte die Wohnung und kümmerte sich um die erforderlichen Dokumente für das Visum und die Familienzusammenführung. „Zum Beispiel die Heiratsurkunde, akademische Zeugnisse und Arbeitszeugnisse – sowie deren Übersetzungen.“
Nach acht Monaten war es dann endlich so weit. „Am selben Tag, an dem ich den Aufenthaltstitel bekam, buchten wir Flüge für den 21. Mai“, erzählt Bohn.

Familienzusammenführung nicht ohne Hürden
Doch ganz reibungslos sollte es für die beiden nicht laufen – die Kommunikation mit der Behörde war schwierig. Nach Beantragung hörten die beiden erst mal mehrere Monate nichts: „Niemand antwortete auf unsere E-Mails oder Anrufe, und wir konnten uns nicht vor Ort nach dem Stand der Dinge erkundigen. Selbst der zusätzliche Antrag auf Ausstellung einer Fiktionsbescheinigung (Anm. d. Redaktion: Bescheinigung des vorläufigen Aufenthaltsrechts) wurde ignoriert“, erzählt Bohn. Unterstützung bekamen sie schließlich von den „Hand in Hand for International Talents“-Partnern, der IHK Düsseldorf und der Agentur für Arbeit Düsseldorf, die ihnen halfen, bei der Ausländerbehörde nachzuhaken.
Im Dezember war der glückliche Tag für die beiden dann gekommen: Euzebio hielt ihren Aufenthaltstitel in den Händen. Damit darf sie mit ihrem Mann in Deutschland leben – und auch hier arbeiten. „Ich habe einen Berufsabschluss in Betriebswirtschaft und außerdem Rechnungswesen studiert“, so Euzebio. „Da die meisten Angebote in diesem Bereich ein höheres Niveau an Deutschkenntnissen voraussetzen, möchte ich zunächst den Integrationskurs absolvieren und dann nach Arbeitsmöglichkeiten suchen.“
Bohn und Euzebio sehen ihre Zukunft langfristig in Deutschland: „Wir hoffen, dass wir der Wirtschaft und den Unternehmen in unseren jeweiligen Bereichen helfen können und dass unsere Anwesenheit hier einen positiven Einfluss hat.“
Fachkräftesicherung durch Familiennachzug
Die Möglichkeit des Familiennachzugs sichert, dass Fachkräfte dauerhaft in Deutschland leben und arbeiten wollen. Auch die Ehepartnerinnen und -partner von Fachkräften sind oft überdurchschnittlich gut qualifiziert und leisten ihrerseits einen Beitrag gegen den Fachkräftemangel. Eine Win-win-Situation für die Fachkräfte und die deutsche Wirtschaft.
Bohn möchte gerne etwas zurückgeben. „Wir hoffen, dass wir der Wirtschaft und den Unternehmen in unseren jeweiligen Bereichen helfen können und dass unsere Anwesenheit hier einen positiven Einfluss hat.“ Das Ehepaar aus Brasilien plant, langfristig in Deutschland zu bleiben. „Wir sehen wirklich eine sehr gute und glückliche Zukunft hier“, erzählt Bohn. „Dass wir beide arbeiten können, einen Beitrag leisten, uns in diesem Land voll integrieren und ein angenehmes und sicheres Leben führen können.“
Mitarbeiterbindung international gedacht
Unternehmen, deren internationale Fachkräfte ihre Familienangehörigen nachholen wollen, können ihre Mitarbeitenden aktiv dabei unterstützen. Zum Beispiel indem sie eine Freistellung für die Termine bei der Ausländerbehörde ermöglichen oder etwa beim Ausfüllen von Dokumenten unterstützen.
Unternehmen, die erst noch nach qualifizierten Mitarbeitenden aus dem Ausland suchen, empfiehlt Anine Linder vom Projekt „Hand in Hand for International Talents“, den ersten Schritt mit einem erfahrenen Partner zu gehen. Zum Beispiel mit ihrem Projekt. „Wir unterstützen nicht nur bei der Suche nach Fachkräften im Ausland, sondern auch bei der Integration in Deutschland. Und bei Bedarf natürlich auch beim Thema Familiennachzug.“
Service für Unternehmen
Betriebe mit Interesse an internationalen Fachkräften für die Berufsfelder Elektro, Metall, Mechatronik, Gastronomie/Hotellerie und IT wenden sich an „Hand in Hand for International Talents“. Das Projektteam unterstützt im gesamten Prozess der Rekrutierung. Von der Suche im Ausland bis zur Integration ins Unternehmen.